Der Traum

Silvesterabend in der Kinderzeit.
Sankt Niklaus schritt von Haus zu Haus, und weit
Vernahm man seines Glöckleins hell Getöne.
Er trat herein, trug in der Hand das schöne
Vom Kerzenlicht umstrahlte Wundertännchen.
„Sagt euren Spruch, ihr Zöpfe da und Männchen,“
Fuhr er aus seinem Reistenbart uns an,
„Habt ihr dies Jahr auch wohl und recht getan?
Nie aus dem Schrank den Honigtopf gezogen?
Die Wahrheit nie in Angst nach links gebogen?
Aha! ich seh’s am Augenniederschlag,
Es steht nicht, wie man’s wünscht an diesem Tag!“
So rief er laut und schwang den Haselstecken
Hoch über uns zu allgemeinem Schrecken.

Die Mutter stand dabei, und war er wild
Und rauh, so war sie milder noch als mild,
Und ihre Augen besser als die Güte.
„Versprech‘ ein jedes, daß es besser hüte
Im neuen Jahr die Finger und die Zung‘,
So wird euch schonen seines Steckens Schwung.“
Sie sprach’s, wir nickten „ja“, und Bruder Klaus
Tat einen Sprung und stampfte aus dem Haus.

Hell war die Freude nun an Licht und Kerzen,
An Äpfeln, Nüssen und den Zuckerherzen,
Die festlich prangten an dem schmucken Baum.
Und als ich lag in Kammer, Schlaf und Traum,
War ich noch immer von dem Glanz umflutet:

Ich sah uns all versammelt, frohgemutet,
Ein jedes hielt ein Kerzlein in der Hand
Und schwang im Kreis den schwachen Flackerbrand,
Erst sacht, dann wild, bis es so weit gekommen,
Daß alle Kerzen loschen und verglommen.
Nur die der Mutter brannte ruhig fort.
„Gib uns von deinem Licht!“ Wir schrien das Wort,
Und gleich entstand ein wildes Händerecken,
Die toten Dochten wieder anzustecken.

So ging das Spiel, bis sich mein Traum zerblies:
Wir borgten Feuer und die Mutter lieh’s,
Und ihre Flamme, statt sich zu verzehren,
Schien durch ein Wunder spendend sich zu mehren.
Da rief ich: „Mütterchen, du gibst und gibst,
Wie kommt’s, daß du nicht längst ohn‘ Flamme bliebst?“
Sie schwieg und sann und lächelte nach innen.
Von ihrem Licht sah ich ein Tröpflein rinnen.

Mir blieb der Traum, auch als die Kindheit wich,
Und ging mir immer durch den Sinn, wenn ich
Die Mutterlieb‘ mißbraucht im Unverstand
Und sie nach jeder Prüfung größer fand!

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