Bescherung

In der Woche vor Weihnachten kam der alte Mann auf die Idee durch Verkauf von Christbäumen etwas Geld zu verdienen. Er ging weit hinaus in den winterlichen Wald und kehrte mit einem Bündel Nadelbäume auf dem Rücken in sein Asyl zurück, einen Schuppen, wo die Straßenarbeiter ihr Werkzeug aufzuheben pflegten. Ein Recht dort zu nächtigen, hatte der Mann nicht, er hatte auch gewiß kein Recht, Bäume aus dem Wald fortzutragen. Doch machte er sich darüber wenig Gedanken. Er war ein ehrlicher Mensch, und eben um das zu bleiben, musste er für sich den Begriff des moralisch Zulässigen etwas weitherziger auslegen. Seine Not sagte nicht, sie kenne kein Gebot; aber sie war aus taktischen Gründen gezwungen, die Bekanntschaft hie und da zu verleugnen.

Der alte Mann hatte nichts, nicht Besitz noch Arbeit, noch irgendwen, der den Mittler hätte machen wollen zwischen ihm und der Welt, damit er diese nicht als völlig sinnlose Zumutung empfinde und ablehne. Zuweilen, das kam vor, fragte er sich, wozu er denn eigentlich lebe? Und fand keine andere Antwort darauf als diese: dazu, um mir den Kopf zu zerbrechen, wovon ich leben soll. Immerhin ist auch solches Kopfzerbrechen eine Aufgabe, Tätigkeit, Beschäftigung… Und so lange der Mensch derlei hat, hat er etwas, das ihn ans Dasein bindet. Man weiß gar nicht, wie sehr manchen nur die Schwierigkeit, zu leben, noch am Leben hält.

Der Mann bot also seine Tannenbäume in der Stadt zum Verkauf aus. Auch dazu hatte er natürlich kein Recht. Und damit Konkurrenz und Polizei ihm nicht in den Handel pfuschten, wählte er als Standort eine entlegene Straße im entlegenen Bezirk. Dort wohnten freilich nur ganz arme Leute, aber nur für solche hätten auch die Christbäume des guten Alten getaugt, denn es waren klägliche Bäume in zerschlissenen Nadelkleidern, unterernährt, dünn und rhachitisch wie die Kinder, für deren Weihnachtstisch allein derlei Tannen-Ausschuß in Betracht kommen konnte. Nur ein einziges Stück war darunter, das hatte Kraft und Haltung. Für dieses zimmerte der Mann auch ein hölzernes Bodenkreuz. Drin standt es, fest und gerade, lebendig gewissermaßen, indes die anderen Bäumchen nur so tot herumlagen, wie geschlachtet. Damit der Sturm dem Prachtstück nichts anhaben könne, nagelte der Verkäufer das Holzkreuz, in dem es fußte, an die hartgefrorene Erde, steifte der Tanne noch überdies, durch geeignete technische Maßnahmen das Rückgrat. Sie sah jetzt wirklich nach einem richtigen Christbaum aus. Und solchen Eindruck verstärkte der Mann noch dadurch, daß er abends eine kleine Laterne mit rotem Schutzglas an die Spitze des Stammes hing. Sie war dem Werkzeugschuppen der Straßenarbeiter entlehnt und diente sonst zur Nachtzeit als Warnung vor Löchern im aufgerissenen Pflaster. Der Mann hatte seine Freude an dem Baum und die Vorübergehenden vielleicht auch. Aber niemand kaufte das preiswerte Stück und niemand kaufte eines von den anderen Bäumchen.

Es war sechs Uhr abends, am 24. Dezember. Durch die entlegene Straße im entlegenen Bezirk ging niemand mehr als der Wind, der das rote Laternchen schaukeln machte, was so aussah, als gebe der Baum, wie das Männer von der Eisenbahn tun, irgendwem irgendwohin Signal (aber niemand beachtete es), aus Fenstern da und dort schimmerte Kerzenlicht, überall schon war das Jesuskind geboren worden, und die diesjährige Konjunktur für Christbäume also endgültig vorüber.
Der alte Mann dachte wiederum einmal darüber nach, wozu er lebe und gab sich wiederum die gleiche Antwort. Aber, war es der die Seele mächtig anrührende Weihnachtszauber, war es eine durch Kälte, Hunger und Einsamkeit gesteigerte Oppositionslust, kurz, diesmal genügte dem Frager die bewährte Antwort nicht. Er geriet vielmehr in ausgesprochen schlechte Stimmung. Es kränkte ihn über die Maßen, daß sein lieber, stattlicher und mit so viel Müh beschaffter und betreuter Baum unverwertet, ungenutzt bleiben mußte, es kränkte ihn nicht nur als Kaufmann, sondern sozusagen auch als Menschen. Tiefes Mitleid üerwältigte sein Herz. Mitleid sowohl mit sich selbst, als auch mit dem Baum, der doch wirklich allen Anspruch darauf hatte, Lichter zu tragen und mit schmückendem Zeug behängt zu werden.

Und wie der Alte so grübelte, was er vielleicht für sich und für den Baum noch tun könne, fand er eine Lösung. Eine schlichte Lösung, von der man sagen dürfte, mit ihr sei das Ei des Kolumbus auf die Spitze getrieben. Der Mann hängte sich nämlich an seinem Weihnachtsbaum auf. Da hatten nun beide etwas davon. Der Baum seinen respektablen Behang, der Mann seinen im altehrwürdigen Weihnachtsspruch verheißenen Frieden auf Erden. Dazu (im Tonfilmmanuskript würde es heißen: darüber) Glockenläuten.

Der Schutzmann, der den Tannenbaum mit dem merkwürdigen Aufputz als erster sah, und entsprechend amtshandeln mußte, – obwohl er gern schon wieder in der Wachstube gesessen wäre, wo auch ein Christbaum stand, zwischen Gummiknüppeln, Rosinenstollen, Notitzbüchern, Zigaretten und Handschellen – brummte: „Schöne Bescherung!“ – Er meinte das aber nicht im rechten weihnachtlichen Sinn.

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