Die Geschichte von dem Lebkuchen

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Das ist nun schon viel hundert Jahre her, da hat in Nürnberg, der berühmten Stadt , ein dicker runder Bäckermeister gewohnt.
Aber nicht nur aufs Backen verstand er sich, er war auch ein grundguter Kerl. Das Herz tat ihm immer weh, alle Jahre, wenn es auf Sankt Nikolaustag oder Weihnachten zuging.
„Du liebes Christkind“, brummelte er, „was soll ich diesmal nur Leckeres backen, dass du es den Kindern bringst? Immer Brot und nur Brot und nichts als Brot, das geht doch nicht! Ach, was mach ich nur, ich armer, dicker, runder Bäckermeister?“
Er besann sich hin, besann sich her. Dann aber – die Hagebutten wurden schon rot und die Haselnüsse braun und der Wind schüttelte die Kastanien von den Bäumen – kaufte er sich ein Notizbuch, packte seine Siebensachen und befahl der Katze, sie solle die Mäuse kurz halten, damit sie ihm nicht das ganze Mehl für die Weihnachtsbäckerei wegfräßen.
„Denn ich will doch sehen, was es sonst noch zu backen gibt als Brot und immer noch mal Brot.“
Er schloss die Tür hinter sich ab und wanderte hinaus in die Welt.

Zuerst kam der dicke runde Bäckermeister nach Regensburg. Aber soviel er sich auch umschaute, hier gab es nur Brot und Regensburger Würstchen. „Nichts für mich!“ dachte er und machte, dass er nach München kam. Aber die Münchner Salzbrezeln, damit konnte er nun mal gar nichts anfangen. Zu Weihnachten Salzbrezeln? Das wäre ja noch schöner!

So tippelte der dicke runde Bäckermeister weiter, immer noch war sein Notizbuch leer. Nach Frankfurt kam er, da machten sie nur Frankfurter Würstchen und Apfelwein. Sogar in der Kaiserstadt Aachen gab es die Aachener Printen damals noch nicht. Auch in Köln nur Käsebrötchen, die „halbe Hähne“ hießen, und nicht mal in Amsterdam backten die Leute Spekulatius.

Aber der Bäckermeister ließ den Mut nicht sinken und wanderte ostwärts.
Die große Stadt Berlin, ja, die stand damals noch gar nicht !
Nur Wald und Sumpf. In dem Wald aber traf er einen uralten Einsiedler.
Der lebte von Eicheln und Haselnüssen. „Am besten gehen sie mal nach Wien“, sagte der Einsiedler zu dem Bäckermeister.
„Da soll`s Wiener Würstchen geben, fabelhaft!“
Aber der dicke runde Bäckermeister hatte nun genug.
„Es hilft alles nichts“, dachte er, „ich will lieber zurück nach Nürnberg!“

Er wanderte einen Tag um den anderen. Da endlich kam er in die böhmischen und bayrischen Wälder. Als es Abend wurde und Nacht, traf er zum Glück auf ein Häuschen. Das stand tief unter den dunklen Fichten. Dicht neben dem Häuschen war ein großer, schwarz verräucherter Backofen. Oh, so etwas gefiel dem dicken runden Bäckermeister !
Er klopfte bei dem Häuschen an, klopfte noch einmal und noch einmal. Da endlich wurde es lebendig drinnen.
Die Tür ging auf, und darin stand eine uralte Frau, die krächzte: ”Mitten in der Nacht? Das sind mir ja feine Manieren !
Ich bin nämlich die Waldfrau, und mit mir ist nicht gut Kirschen essen !”
So schimpfte sie, fuchtelte mit ihrem Krückstock und wackelte mit dem Kopf.
„Keine Angst, Mütterchen“, sagte der brave Bäckermeister. „Ich bin müde vom langen Weg. Ein Eckchen auf der Ofenbank habt ihr sicher für mich?”
„Hunger hast du wohl auch?“ knurrte die Alte. „Scher dich! Ich hab nichts wie Lebkuchen und Pfeffernüsse, und du glaubst gar nicht, wie satt ich es bin, das süße Zeug!“
Der Bückermeister riss Mund und Augen auf. „Was habt ihr? Süße Lebkuchen und süße Pfeffernüsse? Sagt das noch einmal!“ „Du hast wohl Rattennester in den Ohren?“ giftete die Waldfrau. „Lebkuchen und Pfeffernüsse! Lebkuchen und Pfeffernüsse! Lebkuchen und Pfeffernüsse!“
Dem Bäckermeister rollten vor Freude die dicken Tränen herab. „Dann ist ja alles gut“, „ich hab nämlich nur Brot“.
„Was hast du?“ schrie die Alte, „bist du verrückt? Brot hast du? Ich weiß nicht einmal, was Brot ist! Sag, ist das süß oder sauer?“
„Brot? Das ist mehr sauer“, sagte der Bäcker.
„Sauer?“ rief die Waldfrau. „Sauer ist Brot? Oh wie lecker, wie lecker!“
Und sie packte ihn bei der Hand und riss ihn mit in den Hausflur, dass er fast der Länge nach hingeflogen wäre.
Bald aber saßen sie zusammen auf der Herdbank. Der dicke runde Bäckermeister kramte alles, was er zu essen bei sich hatte, aus der Tasche. Die Alte stopfte das Brot Brocken für Brocken in den Mund, schlang wie ein Wolf, schmatzte und schluckte.
Und der Bäcker verdrehte die Augen vor Wonne und aß süße Lebkuchen und Pfeffernüsse.

„Nun hab ich`s, wonach ich suchte“, sagte er „und brauche nicht mehr durch die ganze Welt zu rennen. Denn du, Waldfrau, sagst mir doch gewiss, wie man die Dinger mischt und mengt, buddelt und knuddelt. Und wieviel Zucker und Salz, Butter und Schmalz, Pfeffer und Zimt und was sonst dazu gehört. Dafür verrate ich dir das mit dem Brot!”
Da freute sich die Alte, tanzte wie ein Brummkreisel im Häuschen herum, verlangte neues Brot, mampfte und pampfte, und zwischendurch wisperte sie dem Bäckermeister zu, wie man Lebkuchen und Pfeffernüsse backt.
Der dicke runde Bäckermeister aber hatte bald sein Notizbuch vollgeschrieben und die Rezepte für sechserlei Brot der Waldfrau mit Kreide auf die Tür gekritzelt.
Früh am Morgen dann wanderte er weiter und kam gerade heim, als es zu weihnachten anfing.

Zu Hause war auch alles in schönster Ordnung. Die Katze war auf dem Posten gewesen, und die Mäuse hatten keine guten Tage bei ihr gehabt, gut und schneeweiß war das Mehl.
Noch am selben Tag fing das Backen an: Lebkuchen und Pfeffernüsse und noch einmal Lebkuchen und Pfeffernüsse.
Die Leute der Stadt Nürnberg waren sehr verwundert. Denn alle Abend, sowie es dunkelte, ging’s los, klingklang, durch alle Gassen.
Das waren die Weihnachtsengel mit ihren Schlitten. Kam einer mit einem vollen Sack aus dem Bäckerladen, so hielt schon der nächste, brrrr!, sein Pferdchen an und stieg aus.
Ein Duft aber nach süßem Backwerk und Engelsflügeln hing über der Stadt. Und tausend Heiligenscheine glitzerten blau, silber und golden durch den Schnee.
Seht, so kamen die Nürnberger Lebkuchen und die Pfeffernüsse in die Welt und in jedes Weihnachtshaus.
Das Märchen ist nun aus.

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