Frohe Weihnachten, Anna!

Fortsetzung der Geschichte: Das Engelskind Anna

Anna lebte nun schon viele Jahre auf der Erde bei den Menschen, ihren lieben Mann Adrian immer an ihrer Seite. Sie war glücklich und zufrieden, und dennoch hatte auch sie oft kleine Kümmernisse und manchmal große Sorgen. Darüber hatte sie schon beinahe vergessen, dass sie doch ein Engel war, der gerne andere Menschen zum Lächeln brachte.
Dann kam der schreckliche Tag, an dem sie erfuhr, dass Adrian schwer erkrankt war, alle Bemühungen der Ärzte waren vergebens. Anna setzte ihre ganze Engelskraft ein und konnte doch nicht erreichen, dass Adrian wieder gesund wurde: An einem grauen Tag im November schlief er friedlich ein. Er ging fort aus ihrem gemeinsamen Leben, fort aus ihrem Herzen. Ihr Herz war leer, kalt und traurig. In ihrer Trauer bemerkte sie auch nicht die vielen Versuche ihrer Freunde und Nachbarn, sie aus der Trauer herauszuholen.
Nein, sie wollte nicht spazieren gehen. Nein, sie wollte nicht angerufen oder eingeladen werden. Sie wollte nur allein sein, allein mit ihrer großen Traurigkeit. Und allmählich zogen sich die Freunde zurück, ließen sie allein.
Anna weinte sich sehr oft in den Schlaf, so auch in der Nacht zum 1. Dezember. Sie träumte von dem großen Paket, das sie in den Händen gehalten hatte, als sie damals auf der Erde landete. Am nächsten Morgen beschloss sie, auf dem Speicher nach dem Paket zu schauen; sie hatte es aufbewahrt, aber nie geöffnet. Schnell fand sie das Paket – aber was war das: Es war an sie selbst adressiert: „Für meinen Engel Anna, von Deinem Dich liebenden Mann Adrian“.
Anna wurde es ganz warm ums Herz: Adrian musste es in seinen letzten Wochen heimlich vorbereitet haben. Behutsam nahm sie das Paket und öffnete es vorsichtig. Es waren große weiße Briefumschläge drin, 24 Stück, wie sie schnell feststellte. Jeder war auch mit einem Datum versehen: 1. Dezember, 2. Dezember usw.
Heute war ja der 1. Dezember und so öffnete sie den ersten Umschlag. Es war eine Karte darin: „Hallo, mein Schatz. Du bist jetzt schon eine ganze Weile allein. Und ich sehe, dass Du immer noch sehr traurig bist. Das tut mir weh. Bitte lass mich Dir helfen! Dein Adrian“. Auf der Rückseite war eine Frage an sie gerichtet: „Hast Du schon ein Pfefferkuchenhaus gebastelt?“
Nein, das hatte sie nicht gemacht, sie hatte auch keine Lust dazu. Aber der Tag war lang und da sie sonst keine anderen Pläne hatte, baute sie doch ein Pfefferkuchenhaus. Es machte ihr sogar ein wenig Spaß und das Ergebnis war eine prachtvolle Leckerei. Schon nach kurzem Überlegen traf sie eine Entscheidung: Sie würde das süße Haus dem nahegelegenen Kinderheim spenden! Sofort machte sie sich auf den Weg und wurde dort sehr herzlich aufgenommen. So viele strahlende Kinderaugen hatte sie lange nicht gesehen …
Jeden Tag öffnete sie nun einen Umschlag aus dem Paket. Am 10. Dezember lautete die Frage: „Hast Du schon Plätzchen gebacken?“ Sofort machte sie sich an die Arbeit. Es wurden so viele Plätzchen, dass sie davon noch eine große Dose verschenken konnte. In dem Altenheim, das sich ganz in der Nähe befand, freuten sich alle Bewohnerinnen und Bewohner über die Plätzchen, und dass jemand an sie gedacht hatte!
Am Abend, kurz vor dem Schlafengehen, dachte Anna noch einmal über den zu Ende gehenden Tag nach. Und wie schon nach ihrem Besuch im Kinderheim hatte sie auch an diesem Abend das Gefühl, anderen Menschen eine Freude gemacht zu haben. Und auch sie empfand ein wenig Freude – und das zu spüren war für Anna sehr schön.
Am 19. Dezember fand sie auf ihrer Karte die Frage: „Wie geht es Deiner besten Freundin Margitta?“ Anna konnte die Frage nicht gleich beantworten, denn seit dem Tod von Adrian hatte sie den Kontakt zu Margitta abreißen lassen.
Und wenn ich sie jetzt einfach mal anrufe? Sie griff zum Telefon. Wie würde Margitta reagieren? – Sie freute sich sehr über den Anruf und zeigte viel Verständnis dafür, dass Anna sich damals so zurückzog. Sie sprachen lange miteinander und verabredeten sich für den nächsten Tag zu einem langen Spaziergang. Das hatten sie früher immer sehr gern gemacht.
Dann kam der 24. Dezember, und auf der letzten Karte las sie: „Frohe Weihnachten, Anna! Dein Adrian“. Aber es war keine Aufgabe dabei, was sollte sie nun am Heiligen Abend machen? Zuerst hatte sie ein wenig Angst vor dem langen Tag und den Feiertagen, aber dann war sie zuversichtlich, dass sie es schaffen würde. Sie hatte in der letzten Zeit so vieles geschafft! Am Vormittag schmückte sie das Haus weihnachtlich mit ein paar Tannenzweigen und einer Lichterkette. Dann kochte sie sich ein einfaches Mittagessen.
Als aber die Dämmerung einsetzte, fühlte sie sich doch etwas einsam und die Traurigkeit griff wieder nach ihrem Herzen. Es läutete an der Tür. Wer konnte das bloß sein? Es war der Leiter des Kinderheims: Die Kinder hatten sich so über das Pfefferkuchenhaus gefreut, dass sie beschlossen, auch Anna eine kleine Freude zu machen: Zu den vielen selbstgemalten bunten Bildern bekam sie auch noch einen von den Kindern selbst gebackenen Stollen.
Anna freute sich sehr und während sie mit ihrem Besucher noch ein wenig sprach, läutete es erneut: die Leiterin des Altenheims war von den Bewohnerinnen und Bewohnern gebeten worden, Anna ein wenig Weihnachtspunsch vorbeizubringen, denn sie hatten Annas Besuch und ihre freundliche Gabe nicht vergessen!
Nun ein drittes Läuten: Margitta, ihre liebe Freundin, nahm sich trotz eigener Familie Zeit, Anna zu besuchen. Man kam ins Gespräch, dazu aßen sie den Stollen und tranken den Punsch. Es war sehr gemütlich, und als die Besucher sich verabschiedeten, fühlte Anna sich nicht mehr so allein.
Für den ersten Feiertag war sie ins Kinderheim eingeladen worden; sie hatte sich bereiterklärt, den Kindern einige Weihnachtsgeschichten vorzulesen. Und am zweiten Feiertag stand ein Besuch im Altenheim auf dem Plan: Anna war zum Weihnachtsliedersingen eingeladen. Sie würde die Lieder am Klavier begleiten.
Anna stand noch eine ganze Weile vor dem Haus, genoss die winterliche Stille und schaute zum sternenklaren Himmel hinauf. Dann sagte sie ganz leise: „Frohe Weihnachten, Adrian!“
In diesem Moment zog eine große, goldschimmernde Sternschnuppe ihre Spur am Himmel … nur für Anna! Und sie freute sich auf die nächsten Tage, auf die Zukunft, auf das Leben …

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