Macht hoch die Tür

Es war eine schwierige Zeit:
Krieg, Hunger, Seuchen gingen nicht spurlos an der Bevölkerung vorüber.
Wohlstand fand man vor allem noch in den Häusern der alteingesessenen Königsberger Kaufleute, aber auch im Haus des Fisch- und Getreidehändlers Sturgis. Er gehörte nicht zu den angesehenen Patriziern, sondern war vielmehr ein Emporkömmling, der mit kaufmännischem Fingerspitzengefühl und zähem Fleiß zu Wohlstand und Reichtum gekommen war.

Zwar hatte man ihm einen Bauplatz im vornehmen Patrizierviertel versagt, doch hielt sein neu erbautes, großes Haus am Rossgärtner Markt jedem Vergleich stand.
Nur eines ärgerte den Besitzer:
Wenig entfernt von seinem Grundstück lag ein Armen- und Siechenheim, und dicht bei seinem Gartenzaun verlief der schmale Fußweg, den die Armenhäusler benutzten, wenn sie Besorgungen in der Stadt machen oder am Sonntag den Gottesdienst besuchen wollten.
Zwar belästigten sie den Kaufmann nie, aber Sturgis ärgerte sich über den Anblick der armseligen Gestalten und beschloss, Abhilfe zu schaffen.
Spitzfindig wie er war, kaufte er die lange, breite Wiese, über die der Pfad führte,
und legte einen herrlichen Park an. Er umgab ihn mit einem Zaun, schloss ihn nach außen durch ein prächtiges Tor und auf der Rückseite durch eine kleine verriegelte Pforte ab.
Nun war den Armenhäuslern der Weg versperrt, und der Umweg zur Stadt war für die meisten von ihnen zu weit und zu beschwerlich.
So klagten sie ihrem Pfarrer Weissel ihr Leid und baten um Rat und Hilfe. Sollte es Gott nicht möglich sein, dass der reiche Mann das Tor seines Herzens öffnete, damit die Barmherzigkeit Einzug halten konnte? War es nicht so, dass Sturgis’ Name in Sammellisten in der Regel hinter hohen Summen zu finden war, und dass er sich besonders freigebig zeigte, wenn Spenden und Betrag öffentlich bekannt gegeben wurden? Auch hatte er stets eine großzügige Hand, wenn in der Adventszeit der Chor vor den Häusern der Wohltäter und Spender seine Lieder erklingen ließ.
Doch in diesem Jahr war es anders. Das verschlossene Tor war Grund für die abweisende Haltung, mit der man Sturgis gegenüberstand. Man wollte dieses Jahr nicht vor dem Haus des Getreidehändlers singen.
Weissel aber gab zu bedenken: „Ich meine, wir würden Advent und Weihnachten nicht richtig feiern können, wenn wir den reichen Mann ausschlössen. Unser Erlöser geht auch an keinem Haus und keinem Herzen vorüber. Wollen wir ihm nachfolgen oder nicht?“
Der Chorleiter, ein junger Student, wurde nachdenklich. Aber würden sich die Chormitglieder überreden lassen? Schließlich einigte man sich auf einen Kompromiss, und Weissel selbst würde die Sänger begleiten.
Doch welches Lied sollte bei Sturgis erklingen? Da zog Weissel die Schublade seines Tisches auf und entnahm ihr ein Blatt, dicht beschrieben mit Versen.
Schweigend und sichtlich ergriffen las der junge Student die Verse:
„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit; es kommt der Herr der Herrlichkeit …“
„Wundervoll“, rief er schließlich mit Begeisterung aus. Das Lied sollte in dieser Adventszeit zum ersten Mal erklingen, freilich zunächst nach einer provisorischen Melodie. Später würde sich sicher ein Komponist finden, der eine gute Melodie schaffen würde. Doch wie war es zu diesem Lied gekommen? Während der junge Gast noch einmal die Worte überflog, erzählte Weissel:
Es war während des starken Sturms, der vor kurzem – von der Küste kommend – über das Land hinweggefegt und viel Schnee mit sich gebracht hatte. Weissel hatte in der Nähe des Doms zu tun. Der Wind peitschte ihm ins Gesicht und wollte ihm fast den Atem rauben. Er strebte dem Dom zu, um dort unter dem hohen Portal Schutz zu finden. Die Augen fest auf die Tür geheftet, erreichte er die breite Treppe. In diesem Augenblick öffnete sich das Portal weit und der freundliche Glöckner machte mit einer leichten Verbeugung eine einladende Geste:
„Willkommen im Haus des Herrn. Hier ist jeder in gleicher Weise willkommen, ob Patrizier oder Tagelöhner. Das Tor des Königs aller Könige steht jedem offen.“
Weissel schüttelte den Schnee vom Mantel und klopfte dem Glöckner auf die Schulter. „Eben hat er mir eine ausgezeichnete Predigt gehalten.“
Bis sich das Unwetter gelegt hatte, war in ihm das Lied entstanden, das nun vor seinem jungen Besucher lag:
„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit; es kommt der Herr der Herrlichkeit …“
Am Nachmittag des vierten Advents versammelten sich die Alten und Siechen zur Weihnachtsfeier der Kirchengemeinde, die auch in diesem Jahr wieder durch die Spenden der reichen Handelsherren ermöglicht worden war.
Hinterher sollte der Chor noch die Wohltäter mit Weihnachtsliedern erfreuen, die bislang noch nicht besucht worden waren. So formierte sich ein seltsamer Zug, voraus Pfarrer Weissel, gefolgt von den Sängern, danach die Alten und die an Stöcken und Krücken humpelnden Siechen.
Sturgis saß währenddessen allein in seinem großen Zimmer. Der Tisch war festlich geschmückt und bedeckt mit erlesenen Esswaren, wollte er doch durch seine Großzügigkeit die aufgebrachten Gemüter besänftigen.
Dort kamen sie:
Pfarrer, Chor und dahinter die Alten. Entsetzt beobachtete Sturgis, wie der seltsame Zug an den weit geöffneten Türen seines Hauses vorüberzog. Wollte man ihn so kränken?
Doch nein, jetzt machten sie Halt, geradewegs vor dem prächtigen Tor seines Parks. Ob sie dort singen wollten? Zögernd verließ Sturgis das Haus und ging durch den Garten bis zu der kleinen Pforte, die in den Park führte, und öffnete sie.

Da begann Weissel seine Ansprache. Er sprach vom König aller Könige, der auch heute noch vor verschlossenen Herzenstüren wartet und Einlass begehrt, auch bei Kaufmann Sturgis. „Ich flehe Euch an“, fuhr Weissel fort, „öffnet nicht nur dieses sichtbare Tor, sondern das Tor Eures Herzens und lasst den König ein, ehe es zu spät ist.“ Darauf wandte er sich um und wies auf die Schar der Alten, die ihnen gefolgt waren.

In diesem Augenblick begann der Chor:
„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit; es kommt der Herr der Herrlichkeit ..“
Sturgis schien es, als höre er einen Engelchor. Tief drangen die Worte in sein Herz ein. Langsam näherte er sich dem großen Tor, griff bei der zweiten Strophe mit zitternder Hand in die Tasche, holte den Schlüssel heraus und öffnete weit die schweren Eisenflügel.
Pfarrer Weissel trat ein, nach ihm der Chor und die Alten. Sie zogen singend durch den Park bis zu der kleinen Pforte.
Sturgis öffnete sie weit und verkündete, dass von nun an Tor und Tür geöffnet bleiben sollten, um dem König aller Könige Einlass zu gewähren. Darauf lud er alle in sein Haus ein, auch die Alten, deren Anblick er bisher kaum ertragen konnte.
Er selbst aber hatte strahlende Augen wie ein Kind am Weihnachtsabend.
Dann saß er neben dem Pfarrer und bat ihn, die Strophen des neuen Liedes als Erinnerung an diesen Tag in sein Gesangbuch zu schreiben. Diese Bitte wurde ihm gerne gewährt, doch auch Weissel hatte einen Wunsch:
Er bat den Kaufmann, in diesem Lied die für ihn wichtigste Zeile zu unterstreichen.
Der reiche Mann brauchte nicht lange zu überlegen.
Ohne zu zögern ergriff er die Feder und unterstrich den ersten Satz der 5. Strophe:
„Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist.“

Der Weg durch den Park aber wurde von da an der
Advents- oder Weihnachtsweg genannt.

Autor:

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert